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"Apollon",
Oktober 1998
Die Mythologie und Psychologie von Apollo
"Was ist ein Poet? Ein
Mensch mit religiöser Erfahrung, dessen kreative Gabe es ihm ermöglicht,
der Menschheit spirituelle Wahrheiten zu vermitteln. Seine Dichtung
kann die Menschen vom spirituellen Tod befreien und bringt seinen
Lesern ein neues Wissen um ihren göttlichen Schöpfer, der ihm diese
besondere Macht gab. Kranke Seelen können geheilt und ihre Beziehung
zu Gott kann erneuert werden, wenn sie gestört war... Das ist der
Lohn und der eigentliche Zweck von Musik und Dichtung; der Menschheit
göttliche Gaben zu überbringen."
Elizabeth Henry, Orpheus and his
lute
Mythologie und Astrologie waren schon immer
Dienerinnen, denn beide sind ein symbolischer Ausdruck dafür, wie
die Menschheit den Kosmos wahrnimmt. Seit babylonischen Zeiten haben
die Planeten, Himmelslichter und Fixsterne nicht nur die Kräfte
symbolisiert, die mit menschlichen Angelegenheiten korrespondieren
oder die sie beeinflussen, sondern sie repräsentieren auch bestimmte
Charaktere in Geschichten, die in metaphorischer Form die archetypischen
Muster des Lebens und der menschlichen Seele darstellen. Der Astrologe,
der den mythologischen Hintergrund der Planeten erkundet, erschließt
sich einen reichhaltigen Schatz an Einsichten, der unser Verständnis
der astrologischen Symbolik ergänzen und erweitern kann. Dies wiederum
macht uns zu besseren Astrologen, weil wir in die innere Welt unserer
Klienten eintreten können und es uns gelingt, unsere Deutungen in
einer Sprache zu formulieren, die das Herz genauso anspricht wie
den Intellekt. Die Bedeutung der Mythologie wird nirgends so sehr
betont wie bei unseren Deutungen der astrologischen Sonne, die mit
den Mythologien aus vielen Jahrhunderten und Kulturen durchtränkt
ist. Schlüsselworte wie "Selbstausdruck" helfen uns eigentlich nicht
wirklich weiter; mythologische Bilder vermitteln uns viel mehr von
der Energie und den Absichten der Sonne. Und keines dieser mythologischen
Bilder ist bedeutsamer für den Ausdruck der Sonne im individuellen
Horoskop als die Natur und die Rolle des griechischen Sonnengotts
Apollo (wir haben das letzte ‚n' des Namens in der Umgangssprache
weggelassen, sein korrekter griechischer Name ist allerdings Apollon).
Diese Gottheit steht nicht nur hinter den Grundlagen der westlichen
Kultur, sondern auch hinter vielen Attributen, die das Christentum
später mit Christus verband.
Apollo wurde "Herr des Olymps" genannt, der
fundamental griechische der griechischen Götter. Skulpturen und
Fresken porträtieren ihn als schön und jugendlich; sein kaum bekleideter
Körper ist athletisch und hat jene perfekten Proportionen, die von
den Griechen idealisiert wurden. Die Ursprünge von Apollo sind allerdings
wesentlich älter als das klassische Griechenland; archäologische
Funde weisen darauf hin, daß der Beginn seines Kults noch vor der
Bronzezeit begründet liegt. Das Auftauchen dieses Gottes ist geheimnisumwoben.
Auch über seinen Namen gibt es immer noch wissenschaftliche Auseinandersetzungen.
Schon im achten Jahrhundert v.Chr. war er in seiner griechischen
Ausprägung bekannt und wurde bereits im fünften Jahrhundert v.Chr.
mit Prophezeiungen, Heilung, dem Auflösen des Familienfluchs, und
mit der Gabe künstlerischer Inspiration (besonders Musik und Dichtung)
in Zusammenhang gebracht. Diese vielseitigen Eigenschaften tragen
dazu bei, daß er ein schwer zu begreifender Gott ist, weil wir das
Wechselspiel zwischen seinen vielen Gesichtern zunächst nicht erfassen
können. Je mehr wir uns aber mit den vielfältigen Aufgaben Apollos
beschäftigen, desto besser verstehen wir, was die Sonne im Horoskop
wirklich bedeutet.
Apollo, der Spender des Lichts
Ebenso wie im Altertum die Sonne selbst als
Spenderin des Lichts angesehen wurde, war auch Apollo als Repräsentant
der Sonne Spender des inneres Lichts. "Erkenne Dich selbst" war
das Diktum, das an seinem Schrein in Delphi in Stein gemeißelt war.
Dies bekräftigt die Bedeutung von Apollo als Symbol von Bewußtsein.
Der Gott wurde nicht mit der Sonne am Himmel gleichgesetzt, sondern
als Träger der Sonne verstanden, der sie täglich in seinem goldenen
Wagen von Osten nach Westen zog. Die wahre Sonne war weit entfernt
und unberührbar, sie war "die Eine", die Essenz des Lebens selbst,
niemals wirklich erreichbar oder völlig zu verstehen. Apollo vermittelt
uns in seiner menschlichen Gestalt, daß er eine Reflexion von einem
Teil der menschlichen Seele ist - ein Gefäß oder Träger für das
Unaussprechliche. Es überrascht nicht, daß selbst Pythagoras und
auch Platon Apollo schätzten, denn Philosophie ist in ihrer tiefsten
Bedeutung - der Liebe zur Weisheit - dem Prozeß verwandt, Bewußtheit
zu erlangen, um sich wieder mit dem, was Plato die "ewigen Wahrheiten"
nannte, verbinden zu können. Apollos Rolle als Brecher des Familienfluchs
und Zerstörer der Dunkelheit war überwältigend und es wandten sich
diejenigen an ihn, die von einer Schuld aus der Vergangenheit gequält
wurden. In der Mythologie zeigen seine Konflikte mit den weiblichen
chtonischen Gottheiten der Unterwelt, wie der Riesenschlange Python
und den schrecklichen Eryinen oder den Furien, ihn als Sieger über
das, was frei ist, und über das, was von den Mächten des Schicksals
gefangen und den Zwängen der Vorfahren ausgeliefert ist. Doch obwohl
er der Sieger über diese Mächte ist, sind sie Teil seiner Verehrung;
die Python ist eines der wichtigsten Symbole der griechisch-römischen
Ikonen, sie wird aber nicht nur in Schlangenform dargestellt, sondern
auch als Priesterin, die das Orakel des Gottes weitergibt und den
Namen Pythia trägt. Diese chtonischen Mutter-Gottheiten wurden in
Delphi durch die Anwesenheit des Omphalos oder Nabel-Steins verehrt,
dem Zentrum der Erde, in dem sich das Licht der Sonne auf der Erde
inkarniert. Auf Münzen, die in Delphi hergestellt wurden, finden
wir das Bild des Omphalos oder Nabel-Steins als Punkt in der Mitte
eines Kreises; dieser Kreis wurde mit Apollo assoziiert, wegen der
großen Runde der Sonne über den Himmel, und weil dieser Kreis weder
Anfang noch Ende aufzeigt, was Göttlichkeit und Ewigkeit symbolisiert.
Wenn es auch keinen direkt dokumentierten Beweis dafür gibt, daß
dieses Bild - der Punkt in einem Kreis - später zu unserem astrologischen
Symbol für die Sonne wurde, ist diese Verknüpfung auf keinen Fall
zu ignorieren. Dieses Symbol für die Sonne wurde erstmalig in der
Renaissance benutzt.
Was bedeutet nun die Rolle des Lichtspenders
für unsere Interpretation der Sonne im Horoskop? Zunächst legt sie
nahe, daß das Symbol des Apollo ein fundamentales Zentrum in uns
selbst beschreibt - eine Kernidentität oder ein Gefühl von persönlichem
Schicksal, das aus dem Bewußtsein unserer selbst als Individuen
entsteht und das die Macht hat, die Zwänge unserer Kindheit und
unseres Familienhintergrunds aufzulösen. Der griechische "Familienfluch"
ist eine lebendige Umschreibung ungelöster und unbewußter Konflikte,
die sich durch die Generationen ziehen und irgendwann an der seelischen
Eingangspforte des "identifizierten Patienten" (wie er oder sie
in der Familientherapie genannt wird) auftauchen, der die Last dieses
unbewußten Erbes durch körperliche und seelische Erkrankung ausagiert.
Jeder Mensch, der die Macht von zwanghaftem Verhalten kennengelernt
hat - ob nun in bezug auf Drogen, Alkohol, Nahrung oder durch destruktives
oder selbstzerstörerisches Verhalten, weiß, daß es unmöglich ist,
solche Zwänge mit dem Verstand zu bewältigen. Eine Befreiung ist
oft nur durch eine langwierige und ehrliche Erforschung der verdrängten
Gefühle, die aus der Vergangenheit stammen, möglich. Der therapeutische
Prozeß ist daher ein apollonischer Prozeß, nicht weil er intellektuell
ist, sondern weil er darauf hin zielt, das Bewußtsein zu erweitern
und Licht ins Dunkel zu bringen. Was in der Dunkelheit gefangen
bleibt, kann sich nicht verändern. Auch nonverbale Therapien können
ihr Ziel erreichen; Apollo ist nicht auf eine bestimmte psychologische
Schule fixiert, solange der Prozeß nur dem Wachstum des inneren
Selbst dient. Die Sonne im Horoskop ist daher ein Bild von etwas
in uns, das in der Lage ist, eine zentrale und unzerstörbare Identität
hervorzubringen, um die sich das gesamte Horoskop dreht - ein Ego,
das die verschiedenen Konflikte und Disharmonien, die jedes Horoskop
aufweist, beherrschen und vielleicht sogar transformieren kann.
Solche Konflikte können, wenn sie durch frühe Störungen verschärft
werden, zu großen Leiderfahrungen führen, wenn es kein bewußtes
Licht gibt, um deren Ursprung und Eigenart zu beleuchten.
Apollo, der Schöpfer des Kosmos
Apollo ist auch der Schöpfer des Kosmos, das
Zentrum, um das sich das gesamte Sonnensystem dreht. In der Kunst
des Altertums erscheint er oft in dieser Rolle als Träger des Tierkreises,
da der Tierkreis eine Darstellung des ekliptischen, sichtbaren Weges
der Sonne um die Erde darstellt. Diese Darstellungsform reflektiert
einen Entwicklungszyklus, der durch die Jahreszeiten verkörpert
wird und der sich auch in den vielschichtigen Zyklen eines individuellen
Lebens ausdrückt. Es ist erwähnenswert, daß der Tierkreis eine griechische
Erfindung ist, die zeitlich mit der wachsenden Bedeutung des Apollo-Kults
im 5. Jahrhundert vor Christus zusammenfällt. Apollo und die Astrologie,
die wir von den Griechen übernommen haben, sind zutiefst miteinander
verbunden und beide reflektieren die gleiche bedeutsame Wahrnehmung
einer kosmischen Ordnung. Die methodische Bewegung des Kosmos ist
abhängig von Apollo als dem Vermittler der Intelligenz des göttlichen
Lichts der Sonne. Sein logisches Denkprinzip sorgt dafür, daß die
Planeten ihren Kurs beibehalten. Hier können wir wieder enorme Einsichten
in die Funktion der Sonne im Horoskop gewinnen, denn diese zentrale
Kraft stellt das Individuum in das Zentrum seines Lebens und sorgt
dafür, daß sich die anderen Faktoren im Geburtshoroskop harmonisch
aufeinander einstimmen können. Die fließende Ordnung des Kosmos
wurde als Musik der Sphären beschrieben. Hier verschmelzen der Gott
der Musik und der Gott als Schöpfer des Kosmos miteinander und zeichnen
ein fundamentales Muster des Lebens, das nicht nur geordnet, sondern
auch schön ist. Man könnte jedes Geburtshoroskop auf diese Art und
Weise betrachten, unabhängig davon, wie viele Spannungsaspekte es aufweist
oder wie viele Planeten man auch als nachteilig beurteilt. Wir könnten
vielleicht betonen, daß es eher um die Fähigkeit geht, die Sonne
zum Ausdruck zu bringen, die es ermöglicht, harmonische Möglichkeiten
zu schaffen, als die Qualität der Planetenaspekte in den Vordergrund
zu rücken. Mit anderen Worten, ein Mars-Saturn-Quadrat oder eine
Mond-Pluto-Opposition kann Konflikte erzeugen, aber sie wirken nur
dann wirklich destruktiv, wenn es keinen zentralen Kern gibt, von
dem aus das Individuum sich auf diese Planeten beziehen und deren
Bedürfnisse ausgleichen kann. Die Sonne ist die große Schlichterin
bei inneren Planetenkonflikten, da sie es ermöglicht, eher für das
Leben zu arbeiten als dagegen. Noch einmal: das Gefühl eines Selbst
ist der Klebstoff, der das Geburtshoroskop zusammenhält und uns
eher ermöglicht, es zum Ausdruck zu bringen, als von ihm beherrscht
zu werden.
Apollo, der Künstler
Apollo bringt den Menschen Kultur und inspiriert
sie, vermittelt durch die Musen, zu kreativem Ausdruck. Jede dieser
weiblichen Figuren repräsentiert eine der Künste. Es ist interessant
zu sehen, was die Griechen unter Kunst verstanden. Oberhaupt der
Musen war Kalliope, die Muse der Musik, die auch eine Gabe von Apollo
selbst ist; daher wird er in alten Skulpturen und Fresken oft mit
einer Lyra dargestellt. Urania ist die Muse der Astrologie, oder,
um es genauer zu sagen, die Muse der astrologia. Sie stellt eine
Kombination von Astrologie und dem, was wir Astronomie nennen dar.
Aus der Perspektive dieses mythologischen Hintergrunds betrachtet,
wurde Astrologie nicht als eine Wissenschaft nach heutigen Maßstäben
angesehen, sondern eher als eine Kunst; und die Inspiration durch
die Muse wurde als notwendig erachtet, um ihre Weisheit nutzen zu
können. Die Musen wurden verschiedentlich als Apollos Gefährtinnen,
Geliebte oder Töchter bezeichnet; in der Mythologie existieren alle
drei Versionen. In welcher Beziehung sie auch zu ihm standen, es
ist klar, daß sie Ausdruck seiner Kraft sind, die die Menschen zu
ihrer kreativen Vorstellungskraft inspiriert.
Die Verbindung zwischen der astrologischen
Sonne und dem Bereich der kreativen menschlichen Ausdruckskraft,
repräsentiert durch das fünfte Haus im Horoskop, sollte uns daher
nicht überraschen. Der Gott stellt die Inspiration bereit, aber
seine Musen verkörpern ihn in zugänglicher Form und dienen als Brücke
zwischen dem Gott und der menschlichen Vorstellungskraft. Gustave
Moreaus großartiges Bild von Apollo und den Musen zeigt den Gott,
der die Musen aussendet, um die Menschheit zu bilden und zu inspirieren.
Apollos Rolle ist daher die eines "Erziehers", ein Begriff, der
seine Wurzeln im Griechischen hat und etwa "voran bringen" bedeutet.
Dies ist Platos Vorstellung von Erziehung - der Seele eine Anwort
zu entlocken, die uns an die höheren Sphären erinnert, aus denen
wir kamen. Kunst als Mittel zur Erziehung unterscheidet sich gravierend
von Kunst, die der Unterhaltung dient oder Kunst als politischer
Botschaft. Die solare Dimension künstlerischen Ausdrucks ist eine
ausgesprochen individuelle Angelegenheit, die tief aus unserem Inneren
kommt und unsere ganz besondere Verbindung mit dem Ursprung des
Lebens reflektiert. Das ist keine kollektive Angelegenheit, obwohl
inspirative kreative Arbeit auch die Gefühle des Kollektivs anrühren
kann, wenn jemand offen genug ist für die kollektive Psyche. Ihr
Ursprung liegt aber nicht im Kollektiv selbst- ihr Ursprung ist
die individuelle Sonne, die ganz eigene Substanz. Die Kunst der
astrologischen Sonne mag sich vielleicht nicht in erkennbarer Form
zeigen; vielleicht aber auf die Art und Weise, wie jemand sein Leben
lebt. Als eine Reflexion der Rolle des Bewußtseins im Leben eines
Menschen legt diese solare Verbindung mit der Inspiration nahe,
daß, wo immer auch die Sonne im Geburtshoroskop steht, genau dies
der Ort ist, wo wir eine Art Verbindung mit dem Göttlichen finden
können, indem wir ein Vehikel oder Medium finden, wodurch wir das
zum Ausdruck bringen können, was unsere Seele am meisten inspiriert.
Hier können wir die Verbindung zwischen der Sonne und unserer Berufung
erkennen, ob das nun finanzielle Vorteile bringt oder ob wir uns
in unserer Freizeit damit beschäftigen. Das legt auch nahe, daß
jeder im tiefsten Sinne eine "Berufung" hat - selbst wenn sie nicht
als einkommensträchtiger Beruf realisierbar ist. Aber ein Gespür
für diese Berufung kann erst aufkeimen, wenn das Individuum für
jene innere Inspiration offen und bereit ist, seinen individuellen
Werten und Visionen treu zu sein.
Apollo der Prophet
Gewöhnlich bringen wir Prophezeiungen nicht
in Zusammenhang mit der Sonne. Wir neigen dazu, Prophezeiung mit
Hellsichtigkeit zu verknüpfen, obwohl Hellsichtigkeit mit dem Auflösen
persönlicher Grenzen zu tun hat und die Fähigkeit beinhaltet, in
das übergeordnete Leben des Kosmos (oder das Leben eines anderen
Menschen) einzutauchen und zu spüren, was dort geschieht. Laut dem
Orakel Apollos ist Prophezeiung aber etwas ganz anderes. Apollos
Prophezeiungen wurden als doppelzüngig bezeichnet, weil seine Orakel
so verblüffend waren. Was sie allerdings zum Ausdruck brachten,
war ein prinzipielles Schema oder Muster, das nur von einem rein
persönlichen Standpunkt aus interpretiert werden konnte (was auch
meistens getan wurde). Oft ging das Orakel schief; und es gibt viele
Mythen, die Situationen beschreiben, in denen der Held oder die
Heldin versucht, das Orakel zu täuschen oder es falsch interpretiert,
was katastrophale Folgen haben kann.
Mit anderen Worten, die Botschaft des Orakels
war keine hellsichtige, sondern brachte das dem Leben des Individuums
zugrunde liegende Muster zum Ausdruck oder warf Licht auf ein bestimmtes
Kapitel seines Lebens. Wir sehen hier wirklich das, was wir unter
Schicksal verstehen, nicht Schicksal im Sinn von Zwang, und in diesem
Sinne haben die Prophezeiungen Apollos tatsächlich einen Bezug
zur astrologischen Sonne. Wenn wir einen Blick auf ein inneres Muster
oder Schicksal werfen, dann gibt das unserem Leben Bedeutung und
etwas, wofür wir leben können. Hier bekommen wir mehr Einsicht,
wenn wir uns die Plazierung der Sonne im Geburtshoroskop ansehen;
einschließlich Zeichen, Haus und Aspekten. Hier liegt unsere
Zukunft, der Mensch, der wir potentiell werden können und auch werden
müssen, wenn wir spüren wollen, daß unser Leben mehr bedeutet als
Essen, Fortpflanzung und Sterben. Das Aufblitzen einer Erkenntnis,
das uns die Sonne schenkt, können wir aber auch fehlinterpretieren,
abhängig von unserem Alter, den Lebensumständen, Konflikten und
unseren emotionalen Bedürfnissen. Tief innen wissen wir aber bereits
um den Kern unserer Lebensgeschichte; vielleicht ist die Sonne deshalb
so eng mit unserer Berufung verbunden, der "individuellen Berufung",
oder wie Howard Sasportas es ausdrückte, "dem Ruf des inneres Selbst".
Prophezeiung als ein Aufzeigen des Schicksals, verkörpert als Berufung,
zeigt eine der tiefsten Verbindungen zwischen Apollo und der astrologischen
Sonne. Es ist wichtig, daß das Orakel von Pythia ausgesprochen wurde;
das legt nahe, daß wir die Weisheit der Sonne nicht direkt, sondern
nur durch unsere Gefühle, unseren Körper und unsere Vorstellungskraft
wahrnehmen können. Ohne dieses Sprachrohr bleibt das Wissen von
Apollo unzugänglich. Wenn wir es aber unterlassen, aktiv nach der
Weisheit Apollos zu suchen, hat uns Pythia nichts zu sagen.
Wir können die Bedeutung von Apollo für die
Astrologie auch daran erkennen, daß wir als Astrologen versuchen,
das innere Muster, die Kerngeschichte im Leben eines Menschen zu
interpretieren. Das Geburtshoroskop ist eine Art Orakel, nicht im
Sinne von Wahrsagerei - obwohl auch diese Dimension der Astrologie
immer schon da war, sondern es ist eine Möglichkeit, das grundsätzliche
Thema, das unser Schicksal ist, aufzuspüren. Die psychologische
Astrologie betont, daß es sich hier eher um ein inneres als ein
äußeres Muster handelt, obwohl die Lebensumstände die innere Geschichte
reflektieren und verkörpern. Aber wie das Orakel des Apollo, können
auch die Konfigurationen eines Geburtshoroskops fehlinterpretiert
werden, sowohl vom Astrologen wie auch vom Klienten selbst. Es fehlt
einfach der Weitblick, um das Gesamtbild erfassen zu können. Daher
beschränkt man sich darauf, ein spezielles oder aktuelles Thema
in den Mittelpunkt zu stellen.
Apollo der Heiler
Apollos Rolle als ärztlicher Heiler führte
in der gesamten Welt des Altertums zu einem enormen Zuwachs an Heilzentren.
Äskulap war der Sohn Apollos, eine Facette des Gottes als Mensch
inkarniert; und alle diese Heilzentren deuten als Monument auf die
Verbindung von Askuläp mit seinem göttlichen Vater hin. Obwohl es
viele Geheimnisse um die Art der Heilkunst gibt, die an speziellen
Orten praktiziert wurde, so wissen wir doch, daß Musik eine wichtige
Rolle spielte, ebenso wie Inspiration und Traumdeutung. Die astrologische
Sonne ist daher ein innerer Heiler und für uns Astrologen ist es
sehr wichtig zu begreifen, was dies auf psychologischer Ebene bedeutet.
Im Sinne von Apollo bedeutet Krankheit, vom
Licht der Sonne abgeschnitten zu sein. Die Griechen verstanden Krankheit
sowohl als einen seelischen wie auch körperlichen Zustand. Um das
Gleichgewicht der Seele wieder herzustellen, wurden Musik und Traumarbeit
eingesetzt - mit anderen Worten, es wurde eine Verbindung zu dem
hergestellt, was wir das Unbewußte nennen. Heutzutage tendieren
viele von uns dazu, zu vergessen, wie tief Musik uns berühren kann
und wie sie nicht nur Harmonie, sondern auch Disharmonie erzeugen
kann. Musik ist heutzutage ebenso ein politisches wie kulturelles
Thema geworden und wir sind in Gefahr, ihre bildende und inspirierende
Funktion zu verleugnen. Musik ist aber das wichtigste Instrument
von Apollo, dem Heiler. Sie wurde als Spiegelung der Klänge der
Sphären betrachtet - der kosmischen Harmonie. Krankheit ist also
eine Disharmonie der Seele, ein Bruch in der menschlichen Verbindung
zur höheren Ordnung des Kosmos. Heilung ist eine Wiederherstellung
der inneren Harmonie und eine Rückverbindung mit der Quelle. Der
Lebenswille ist tief mit der Sonne im Horoskop verbunden. Dieser
Lebenswille entsteht aus dem Gefühl, mit etwas Größerem verbunden
zu sein als man selbst als Individuum sein könnte. Die Sonne gibt
uns das Gefühl, ein Gefäß für etwas Größeres, etwas Höheres zu sein;
und wenn wir uns damit im Einklang befinden, können wir einen Sinn
im Leben finden, selbst wenn wir Unglück und Verlusten ausgesetzt
sind. Jeder Arzt weiß, daß ein Patient ohne Lebenswillen sterben
wird, unabhängig von der Wirksamkeit einer physischen Behandlung.
In der Welt des Altertums war die Sonne hyleg, die Lebensspenderin.
Der Verlust der Verbindung zur Sonne bedeutete einen Verlust des
Lebenswillens.
Die Harmonie, die diese Metaphern des Altertums
beschreiben, bedeutet nicht ein harmonisches Leben im üblichen Sinn;
kein Geburtshoroskop ist frei von Konflikten, wie es auch kein menschliches
Leben ohne Konflikte gibt. Aber eine der Gaben, die die Sonne im
Horoskop ausdrückt, ist ein Gefühl von Orientierung, eine Ausrichtung
auf einen größeren Zusammenhang hin. Dieses Gefühl für ein individuelles
Schicksal und einen bestimmten Lebenssinn, kommt dem, was man unter
der Heilkraft des Apollo verstand, vermutlich am nächsten. Der Prozeß
der Psychotherapie ist heutzutage ein deutlicher Schauplatz dafür,
wie sich das Individuum dem Gefühl nähern kann, wie er oder sie
wirklich gemeint ist, ohne dem Druck und den Erwartungen des Familienhintergrunds
und des kollektiven Unbewußten nachgeben zu müssen. In der Kunst
finden wir vielleicht einen weiteren Schauplatz, wo sich dieses
Gefühl des Sich-wieder-verbindens äußern kann, vorausgesetzt, sie
ist frei von Politisierung und wird nicht nur als Zeitvertreib konsumiert.
Eine solche Sichtweise ist aber vielleicht in heutiger Zeit politisch
nicht opportun, denn diejenigen, die sich nicht der Mühe unterziehen
wollen, die innere Verbindung wieder herzustellen, die die Sonne
von uns fordert, haben ständig das Wort "elitär" auf den Lippen.
Ein Individuum zu sein, heißt, allein und elitär zu sein, so wie
der Sonnengott selbst.
Wenn die Sonne nicht scheint
Depression, der Verlust des Lebenswillens,
inneren Zwängen ausgeliefert sein, übermäßige Abhängigkeit von anderen,
Identifikation mit dem Kollektiv - mit dem Ergebnis, daß man sich
nicht wirklich als echt empfindet, wenn niemand da ist, der als
Spiegel dient - all das kann auftreten, wenn wir die Sonne im Horoskop
nicht zum Ausdruck bringen. Die Sonne zu leben bedeutet, sich für
die Werte und Bedürfnisse des Sonnenzeichens einen eigenen Raum
zu schaffen, d.h., sich selbst aktiv in dem Lebensbereich einzubringen,
der durch das Haus im Geburtshoroskop angezeigt wird und die Bedürfnisse
der Planeten zu respektieren, die im Aspekt zur Sonne stehen. Wenn
wir von den Funktionen, die durch den mythologischen Apollo symbolisiert
werden, abgeschnitten sind, erleben wir Passivität, Mutlosigkeit,
Bedeutungslosigkeit und Vertrauensverlust. Dann brauchen wir andere,
die uns ständig sagen, wer wir sind und wir scheuen uns, irgendein
individuelles Gefühl oder eine eigene Meinung zu haben, die uns
von der Gemeinschaft ausschließen könnte. Kein einzelner Planet
im Geburtshoroskop ist für sich betrachtet vollständig, und auch
die Sonne kann zu Lasten instinktbedingter Bedürfnisse oder auf
Kosten anderer überbetont werden; Apollo ist nicht der einzige Gott.
Oft ist es aber so, daß wir Menschen begegnen, die ihre Sonne eher
zu wenig als zu viel ausleben. Als Astrologen müssen wir uns fragen,
warum ein Mensch nicht in der Lage ist, sich mit der Sonne in seinem
Horoskop zu verbinden. Alle beratenden Astrologen kennen den Klienten,
der nichts von seiner Sonne zeigt, und keinerlei Eigenschaften der
Sonne in seinem oder ihrem Temperament erkennen läßt. Warum ist
das so ?
Eine Reihe von Faktoren kann zu der Unfähigkeit
oder dem Widerwillen beitragen, ein Ego zu entwickeln, das stark
genug ist. Der erste Faktor ist die Beeinflussung durch die frühe
Umgebung, die, wenn sie zerstörerisch genug war - unabhängig von
den inneren Stärken im Geburtshoroskop - die Sonne mit einer erstickenden
Wolkendecke umhüllen kann, so daß ihre Strahlen nicht durchdringen
können. Die systematische Erschütterung des Selbstwertgefühls des
Kindes kann ein Teil davon sein; Eltern, die selbst nicht in der
Lage sind, sich mit dem Licht Apollos zu verbinden, ärgern sich
vielleicht, es in ihren Kindern leuchten zu sehen und tun ihr Bestes,
dem Kind beizubringen, daß nur die Familie wirklich zählt, und nicht
das Individuum als solches. Auch kollektiver Druck kann eine Rolle
spielen, besonders in Gesellschaften, in denen Individualität auf
einen kriminellen Akt hinausläuft, wie es z.B. im altem Regime der
Sowjetunion war. Es ist allerdings fraglich, ob eine destruktive
Umgebung das Licht der Sonne vollständig unterdrücken kann, wenn
das Individuum selbst nicht auch an einen inneren Konflikt gefesselt
ist. Um das zu verstehen, müssen wir die Aspekte der Sonne im Geburtshoroskop
untersuchen und wie die Sonne, bezüglich der Balance der Elemente,
im Horoskop steht.
Ein Horoskop, das einen Mangel an Feuer aufweist,
legt nahe, daß es dem Individuum schwer fällt, der Inspiration der
Sonne zu vertrauen, so daß es sich als "nicht kreativ" empfindet
oder glaubt, dazu bestimmt zu sein, denen zu dienen, die kreativer
sind als es selbst. Dies erzeugt einen inneren Konflikt, der sich
durch einen ehrlichen Blick auf übermäßige Sicherheitsbedürfnisse
oder eine zu große Abhängigkeit von dem, was andere denken, lösen
kann. Ein Kind mit einer solchen Elementeverteilung im Horoskop,
das in eine Familie hinein geboren wird, in der Verantwortung für
andere sehr wichtig ist, mag dann bereitwillig die Rolle des Verantwortlichen
übernehmen - und sich vor Selbstausdruck mit der Folge von Einsamkeit
und Entfremdung von der Familie fürchten. Spannungsaspekte von Planeten
wie Saturn oder Chiron zur Sonne können auch einen inneren Konflikt
anzeigen, nämlich tiefe Zweifel über den eigenen Wert als Individuum,
wodurch es sehr schwierig wird, dem Licht der Sonne zu vertrauen.
Dann kann die Sonne blockiert sein, oder aber man strengt sich dermaßen
an, daß es zu einer Überkompensation kommt, was keine wirkliche
Entspannung bringt. Solche Aspekte können auch Themen aufzeigen,
die den Vater betreffen, der vielleicht selbst verletzt war oder
nicht in der Lage war, individuelle Vorstellungen zu entwickeln.
Vielleicht war er auch zu kritisch, gleichgültig oder zu desinteressiert,
um seinem Kind genügend Ermutigung für die Entwicklung seines Selbstwerts
beizubringen. Die Sonne kann aber immer zum Ausdruck gebracht werden,
egal, wie schwierig ihre Aspekte auch sind. Es kann allerdings notwendig
sein, einen Kompromiß zu finden zwischen den Visionen und der Realität
der persönlichen Grenzen des Einzelnen. Spannungsaspekte zwischen der
Sonne und den äußeren Planeten können auch einen tiefen Konflikt
zwischen der Offenheit für und der Treue zu einem Kollektiv anzeigen,
und dem Bedürfnis, als Individuum zu gelten. Ein solcher Konflikt
erfordert einen Kompromiß - ein Vehikel, durch das man seine eigenen
Werte und seine Identität ausdrücken und auch dem Kollektiv dienen
kann, für das man eine Art Sprachrohr ist. Alles hängt hier von
einem Gleichgewicht ab; oder, wie uns die Inschrift in Delphi lehrte,
vom "rechten Maß".
Die Häuserstellung der Sonne kann, ebenso wie
die Sonne im Aspekt zu den äußeren Planeten, auch einen Konflikt
zwischen innerem Selbstausdruck und kollektiven Faktoren anzeigen.
Die Sonne im achten, elften oder zwölften Haus legt eine große Offenheit
für die kollektive Psyche und die Notwendigkeit nahe, ein Medium
zu finden, durch das die individuelle Vision als Beitrag zum Kollektiv
Ausdruck finden kann. Die Sonne im vierten oder zehnten Haus kann
eine mächtige Verbindung zu einem Elternteil anzeigen, wodurch es
für die Sonne schwierig wird, das Licht des eigenen Selbst auszudrücken;
sie ist dann eher ein Gefäß für das ungelebte Leben dieses Elternteils.
Es gibt eine Reihe anderer Möglichkeiten, wie innere Konflikte im
Horoskop zum Ausdruck kommen, die vielleicht durch die frühe Umgebung
verstärkt wurden, was zu einem Verlust des Lichts der Sonne geführt
hat. Hier müssen wir dann härter daran arbeiten, das Licht zu finden
und zum Ausdruck zu bringen. Wir sollten nicht glauben, daß eine
gut-aspektierte Sonne im eigenen oder einem erhöhten Zeichen bedeutet,
daß jemand keine Schwierigkeiten im Leben haben wird. Zuviel Sonne
kann auch ein zuviel des Guten bedeuten, und für diejenigen, bei
denen Apollo gut gedeiht, kann vielleicht der Verlust des lunaren
Kontakts eine andere, aber genauso schmerzhafte Art von Getrenntheit
schaffen. Wenn wir uns aber an das Symbol des Sonnengottes als Schöpfer
der Welt erinnern, läuft der Verlust des Lichts der Sonne auf den
Verlust des Gefühls der Individualität hinaus - und keine noch so
große lunare emotionale Erfüllung kann das ausgleichen. Wir können
einen Grund finden, weiter zu leben, selbst wenn wir allein sind.
Finden wir aber keinen Grund, versuchen wir möglicherweise durch
andere zu leben; und wenn sie uns enttäuschen oder sich weigern,
das zu akzeptieren, werden wir vielleicht mit dem Verlust unseres
Lebenswillen konfrontiert werden, was im Altertum nur mit der Hilfe
von Apollo geheilt werden konnte.
Der Preis, den wir zahlen müssen
Die Mythologie des Apollo nennt uns auch den
Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir die Sonne entwickeln und
zum Individuum werden wollen. Apollo ist ein Gott, der alleine ist,
unverheiratet und oft von Geliebten abgelehnt; und er hat Pech mit
seinen Kindern, die alle früh und gewalttätig sterben; Orpheus wird
von den Mänaden in Stück gerissen; Äskulap wird von Zeus' Blitzen
getroffen; Phaeton hat einen Zusammenstoß mit dem Sonnenwagen und
geht in Flammen auf. Obwohl von Göttern und Menschen gleichermaßen
geliebt, hat Apollo keine Familie und erschafft keine Dynastie.
Dieses Bild sollte nicht ganz wörtlich genommen werden, denn die
Sonne auszudrücken, hindert uns nicht unbedingt daran, eine Familie
zu gründen oder gute Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Aber
wenn wir uns dafür entscheiden, ein Individuum zu sein, müssen wir
den Luxus aufgeben, durch andere Menschen leben zu wollen, besonders
durch unsere Partner und Kinder, die sich dem, was sie als dominierendes
Verhalten empfinden, stark widersetzen könnten. Darum ist Apollo
ein Bild von etwas in uns selbst, das allein und distanziert ist
und das nur strahlen kann, wenn wir bereit sind, uns so weit von
anderen abzugrenzen, daß wir unsere Individualität bewahren können.
Der Preis dafür, das Licht der Sonne zu genießen, beinhaltet ein
gewisses Maß an Einsamkeit, obwohl das nicht im wörtlichen Sinne
bedeutet, ohne Gesellschaft zu sein. Aber innerlich gerät man dann
niemals in jenen diffusen Zustand unbewußter Verschmelzung, der
dann entsteht, wenn sich kein wirkliches Ego entwickelt hat. Gewisse
Konflikte mit der Familie und der Gesellschaft sind dann vermutlich
unvermeidlich. Die astrologische Verbindung der Sonne im Altertum
mit dem Herzen und mit der Liebe legt nahe, daß wir oft das als
Liebe bezeichnen, was eigentlich ein Zustand seelischer Verschmelzung
und Abhängigkeit ist. Daher kann es sein, daß wir einen anderen
Menschen nicht wirklich als von uns getrenntes Wesen, das Achtung
verdient, lieben können, solange wir selbst kein getrenntes Individuum
sind.
Apollo ist natürlich nur ein einzelner Gott
aus der Familie der Götter, und die Sonne im Geburtshoroskop ist
nur eine Kraft aus der Familie der Planeten. Wir können nicht völlig
allein leben, denn wir sind Teil eines größeren Systems und täten
gut daran, unsere Vorfahren und unsere Teilhabe am Kollektiv, in
dem wir leben, uns bewegen und unsere Existenz haben, nicht zu vergessen.
Es ist jedoch nicht überraschend, daß wir uns selbst dann noch weigern,
den Preis für das Strahlen unserer Sonne zu zahlen, wenn das Unglück
bereits greifbar nah ist. Die Angst vor Einsamkeit ist der große
Feind des Lichts der Sonne, ebenso wie die Angst vor Neid, denn
der Neid der anderen verletzt uns tief, weil wir deren Liebe und
Anerkennung so sehr brauchen. Wenn wir uns unserer selbst zu unsicher
sind, um die Mißbilligung anderer zu riskieren, können wir die Sonne
nicht genügend zum Ausdruck bringen. Sollten wir uns Sorgen darüber
machen, daß andere es uns übelnehmen, wenn wir etwas Außergewöhnliches
schaffen oder etwas Besonderes sind, müssen wir immer wieder betonen,
daß wir doch gar nichts Besonderes sind. Vielleicht legen wir es
dann aber darauf an, andere, die sich trauen, das Licht der Sonne
auszudrücken, zu zerstören, weil wir selbst vom Neid zerfressen
werden. Dieses archetypische Dilemma läßt sich nicht nur in der
Mythologie, sondern auch in der Geschichte und der fragwürdigen
Rolle des Künstlers in der Gesellschaft beobachten. Der Künstler
wird als etwas Besonderes angesehen und für gewöhnlich idealisiert,
aber genauso oft von denselben Menschen, für die er als Sprachrohr
dient, angegriffen oder sogar zerstört. Das ist kein politisches
Thema, auch wenn es im Lauf der Jahrhunderte eine politische Tönung
angenommen hat. Ein passendes Beispiel ist Plato, dieser große Bewunderer
des apollinischen Lichts, der aus Syrakus vertrieben und fast umgebracht
wurde, weil er den Versuch unternahm, Theateraufführungen auf solche
zu beschränken, die eher der Bildung als dem Vergnügen dienten.
Die Geschichte und die Mythologie erzählen davon, wie beängstigend
das Licht der Sonne wirken kann, und zwar nicht nur, wenn es sich
übertrieben dominant und in tyrannischer Weise ausdrückt. Dieser
archetypische Konflikt ist für jeden Menschen von Bedeutung. Wenn
wir nämlich über individuelle Kreativität sprechen, reden wir eigentlich
über die Definition eines individuellen Wesens, das sich von dem
jedes anderen unterscheidet, das sein eigenes Schicksal hat und
seinen eigenen Beitrag zum Leben leistet. Und weil die Astrologie
selbst aufgrund Appollo's Rolle als Schöpfer des Kosmos und auch
durch seine Muse Urania unter seiner Herrschaft steht, sind wir
als Astrologen aufgerufen, die Rolle der Sonne zu übernehmen, wenn
wir dem Klienten das Horoskop deuten. Wir beleben das Horoskop und
spiegeln, wie das innere Licht des Klienten befreit werden kann,
um zu strahlen und wir decken auch die Gründe dafür auf, warum es
bis jetzt noch nicht leuchten konnte und wir machen ihm klar, was
es kostet, wenn es leuchten soll.
Übersetzung: Christine Ruf / Brigitte Talke
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