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Multiple Persönlichkeiten
Dieser Artikel ist ein gekürzter
Ausschnitt aus dem Buch "Personare - Die zwölf Personen im Innern der
Seele" von Peter Orban und Ingrid Zinnel (Rowohlt Taschenbuch,
1992.) Eine erweiterte und überarbeitete Ausgabe unter dem Titel "Die
innere Tafelrunde" ist neu bei www.astronova.com erhältlich.
Bearbeitet von Karin Hoffmann.
Danny ist sieben Jahre alt
und stets auf Krawall gebürstet, ein zerstörerisches, kreischendes Ekel
von Kind, das keiner leiden mag.
Rosalind, die 31-jährige, verfügt über einen weichen und melancholischen
Charme, der ihr die Herzen aller zufliegen läßt. Sie hat den tastenden,
tappenden Gang eines Vogels, dem die Schwingen zerschnitten sind.
Jennifer hat mit 22 Jahren mehr Männer gehabt, als sie zählen kann. Sie
ist geistig zurückgeblieben und hat nur eines im Sinn: den schnellen Fick
mit einem Fremden. Post coitum kann sie sich an nichts erinnern.
John, obwohl erst 34, zählt zu den erfolgreichsten Rechtsanwälten seiner
Stadt. Seine juristische Logik ist bestechend, Prozessgegner fürchten
seine sprachgewaltigen Plädoyers.
Der Ripper, ein altersloser sechssiebtel Blinder, ist barbarisch, grausam
und böse wie ein Nachtmar. Prall vor Haß wütet er; wenn andere schlafen,
mit Rasierklinge und Zigarettenglut.
Sie alle, das Plärrkind,
die Warmherzige, die Nymphomanin, der Erfolgreiche and das Böse, dazu
noch einige andere Charaktere von unterschiedlichster Wesensart, existieren
vereint in einem einzigen Körper. Der gehört einer Rechtanwältin, die
laut Paßeintrag Marianna Lipton heißt, 168 Zentimeter groß und 46 Jahre
alt ist. Außer dem Umstand, daß sie zeitweise unsäglichen Seelenschmerz
litt, war dies bis vor einigen Jahren alles, was sie mit einiger Sicherheit
über sich zu sagen wußte.
Unerklärt waren Marianna
und dem anderthalb Dutzend Therapeuten, die sie seit ihrem 19. Lebensjahr
behandelt hatten, welche Kräfte an ihrem Inneren zerrten - bis der Psychiater
Frank Putnam bei ihr eine seelische Erkrankung diagnostizierte, die zu
den rätselhaftesten neuropsychotischen Syndromen überhaupt zählt: Multiple
Personality Disorder (MPD), so nennen die Fachleute diese Art der Persönlichkeitsstörung,
die schwer zu erkennen und noch schwerer zu heilen ist.
Beim MPD-Patienten ist
das Ich in zahlreiche, gänzlich unterschiedlich geartete Einzelpersönlichkeiten
aufgesplittert, die in ständigem Wechsel Wesen und Handeln des Kranken
bestimmen - gleichsam ein gelebtes Psychodrama, mehrfältig und vielweltig,
in dem der "Multiple" alle Rollen verkörpert. (DER SPIEGEL, 43.Jg. 1989],
Heft 37, S. 220)
Das, was die moderne Psychiatrie
als MPD beschreibt, als multiple Persönlichkeitsstörung, ist - so lautet
unsere Behauptung - nicht etwa ein Sonderfall menschlich-seelischer Entwicklung,
sondern nur das nach außen auffällige Erscheinungsbild dessen, was im
Inneren eines jeden von uns vorzufinden ist. Jeder hat diese multiplen
Persönlichkeiten in sich, nur sind sie nicht derart exzessiv und obsessiv
in eine Feindschaft zueinander getreten. Sie beeinflussen bei den meisten
Menschen eher unauffällig den ganz normalen Alltag.
Es mag verwundern, wenn wir
behaupten, daß der einzelne Mensch aus verschiedenen Persönlichkeiten
besteht, hat sich der Leser doch eben erst mühsam angewöhnt, zu glauben,
daß der Weg des Menschen der Weg in die Einheit sei. Das glauben wir auch.
Dennoch: Der heutige Mensch ist nicht nur schizophren, sondern polyphren,
und es hat kaum Aussicht auf Erfolg, die Einheit herbeizusehnen, wo man
nicht bereit ist, sich vorher in aller Deutlichkeit die eigene Zersplitterung
anzuschauen. Unsere Theorie handelt also nicht von dem einen sichtbaren
Menschen, sondern vom unsichtbaren Menschen oder von der Seele des Menschen,
und die ist vielfach. Hier wollen wir den Spuren dieses Vielfachen folgen.
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